Nanotechnologie nur ein Trend oder High Tech Zukunft
Die Nanotechnologie erobert immer weitere Produktionsbereiche.
In kaum einer industriell anwendbaren Forschungsrichtung wird derzeit so heftig
geforscht und entwickelt wie in diesem Wachstumsmarkt. Als Schlüsseltechnologie,
die branchenunabhängig eingesetzt werden kann, revolutioniert sie nach
Auffassung ihrer Befürworter schon heute Fertigungsprozesse, schafft Arbeitsplätze,
schont die Ressourcen und verspricht endlose Renditen der beteiligten Industrieunternehmen.
Studienführer preisen die einschlägigen Nano-Fachbereiche als zukunftsorientierte
und chancenreiche Wahl für Abiturienten mit naturwissenschaftlichen Neigungen
an. Die Begeisterung vieler Experten für den Nanotechnologie-Markt erinnert
an den beginnenden Internet-Hype vor rund 10 Jahren.
Doch nach Ansicht von Kritikern sind hier auch zahlreiche Fehleinschätzungen,
vor allem im Marketingbereich, zu beobachten. Die Chancen der "Zwergenwelt"
("nanos" = griechisch: Zwerg) sind in etlichen Branchen bereits deutlich
zu sehen: Unter Einsatz von Nanomaterialien lassen sich biegsame Keramiken herstellen
(und natürlich auch verkaufen), ebenso selbst reinigende Oberflächen
oder Farben von bisher unerreichter Leuchtkraft. Andere Nano-Verfahren geben
Verbundstrukturen eine unerreichte Festigkeit, bilden die Basis von hoch wirksamen
Medikamenten oder bieten immense Speicherkapazitäten im Computerbereich.
Die große Euphorie, die allen Produkten mit dem Zusatz "Nano"
anhaftet, wird vor allem durch die gigantischen Erfolge in der Computertechnologie
geschürt. Doch nicht alle Produkte mit dem Zusatz "Nano" werden
tatsächlich Riesengewinne abwerfen, so warnte bereits vor Jahren Josh Wolfe,
einer der führenden Nanotech-Analysten aus den USA. Während seines
Eröffnungsvortrages zum Kongress "Nano-Trends" in München
2005 räumte Wolfe mit einigen dieser Vorurteile auf. "Alle sprechen
vom Nanotechnologie-Markt. (…) Einen Nanotech-Markt gibt es aber genauso
wenig wie Nanotech-Firmen oder Nanotech-Produkte" [1].
Alles Nano also oder etwa doch nicht? Der Fall eines Darmstädter Unternehmens
kann hier beispielhaft dafür stehen, mit welchen Konsequenzen Unternehmen
zu rechnen haben, die den Zusatz Nano zu leichtfertig in ihre Produktwerbung
integrieren. Das börsennotierte Darmstädter Unternehmen brachte Nahrungsergänzungsmittel
sowie Kosmetika auf dem Markt, die durch ein patentiertes Nanotechnologie-Verfahren
eine wesentlich bessere Verwertbarkeit von Mineralstoffen wie z.B. Silizium
bewirken sollten. Das Unternehmen versprach damit eine besonders gesundheitsfördernde
Wirkung für die Verbraucher. Diese Behauptungen wurden durch einen Beitrag
des Fernsehmagazins Panorama entlarvt: die Mittel seien wirkungslos. Eine Analyse
des renommierten Max-Planck-Institutes in Potsdam hatte weder Mineralien noch
andere Stoffe im Nanopartikelbereich gefunden, dafür sei das im Produkt
enthaltene Silizium überhaupt nicht für Lebensmittelergänzungsstoffe
zugelassen. Spiegel Online veröffentlichte am 3. August 2006 einen Artikel,
wonach eine Studie, welche die Produkte des Nahrungsergänzungsmittel Hersteller
mit wesentlich billigeren, nicht Nanotechnik basierenden Präparaten verglich,
zum gleichen Schluss gekommen sei: Die Produkte des Darmstädter Unternehmen
zeigten gegenüber wesentlich billigeren Supermarkt Artikeln keinerlei Vorteil.
Obwohl der Vorstand sich gegen diese Vorwürfe zur Wehr setzte, brach der
Aktienkurs des Unternehmens nach einem vorübergehenden Höhenflug ein
[2].
Das Unternehmen hatte nach dem Börsengang im Jahr 2006 eine gigantische
Marktkapitalisierung von ca. 220 Millionen Euro.
Das Beispiel belegt drastisch, welche Konsequenzen die unsachliche bzw. falsche
Darstellung von Produkteigenschaften im Marketing haben kann. Bleibt zu hoffen,
dass dem Zusatz "Nano" nicht ein ähnliches Schicksal blüht
wie beispielsweise den Etiketten "Bio" oder "Wellness",
deren inflationärer Gebrauch in der Werbung mittlerweile zu einem zunehmenden
Desinteresse auf Seiten der Verbraucher geführt hat. Sachliche und inhaltlich
fundierte Produktinformationen werden sich gerade im Nano-Marketing sicher erfolgreicher
erweisen als leere Versprechen.
Quellen:
[ 1] Die Welt in der Welt: Nanotechnologie auf dem Sprung, Dietmar Müller,
ZDNet 23.6.2005
[ 2] Rolf Schälike: Bericht der Pressekammer LG Hamburg, 9.5.2006
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