[Meinung]
Ist "Nano" als Positionierung ausreichend?
Oliver D. Bedford, Januar 2010
Viele Firmen, aber auch Forschungsinstitute, beschränken
sich darauf "Nanotechnologie" zu betreiben. Es gilt jedoch diesen
für viele Laien (=Kunden!) immer noch leeren Begriff mit Inhalt zu füllen.
Nur mit einer klaren Positionierung, die sich aus der Artikulation eines Kundennutzen
speist, können Produkte nachhaltig erfolgreich vermarktet werden und sich
Organisationen als Kompetenzzentren für anwendungsbezogene Problemlösungen
etablieren.
Nanotechnologie als Marketingversprechen
Ob Malerfarben, Nahrungsergänzungsmittel oder Spezial-Additive:
Bei einer Vielzahl von Produkten wird „Nano“ als Marketing-Claim
eingesetzt.
Die dahinter stehende Motivation ist klar: der Zusatz „Nano“
soll High-Tech suggerieren, Innovation, deutliche verbesserte Leistung im Vergleich
zu herkömmlichen Produkten. Schaut man jedoch genauer hin, welches Versprechen
mit „Nano“ eingelöst werden soll, wird die Sache schnell diffus.
Mit „Nano“ schmücken sich Produkte, die Nanopartikel (wahre
und aggregierte) enthalten, nanometer-dünne Beschichtungen aus beliebigen
Materialien (Polymere, Keramiken), Produkte, deren zu Grunde liegende Phasen-Morphologie
Strukturen im Nanometer-Bereich aufweisen (Polymere, Micellen), Produkte aus
Sol-Gel-Prozessen und schlussendlich leider auch Produkte, bei denen der Zusammenhang
zur Nanotechnologie nur schwerlich hergestellt werden kann.
Die Nanotechnologie gibt es nicht!
Wenn man die „Nano“-Produkte Revue passieren lässt,
wird schnell klar, dass es in diesem Zusammenhang die Nanotechnologie gar nicht
gibt. Unterschiedlichste Technologien werden eingesetzt, um zielgerichtet Morphologien
auf der Nanometer-Skala aufzubauen und damit spezielle Materialfunktionen zu
erzeugen. Deshalb auch der Begriff von der Nanotechnologie als Querschnittstechnologie.
Was für den Experten durchaus verständlich und korrekt
ist, lässt bei der Verwendung als Marketingversprechen jedoch die Frage
offen: was ist der für den Konsumenten relevante Inhalt des Attributs „Nano“?
Ein Laie ist kaum in der Lage, die Gesamtheit der Nanotechnologien gedanklich
zu umfassen und zu bewerten.
Diese Unklarheit findet sich auch im akademischen Bereich:
Forschungseinrichtungen beanspruchen für sich z.B. das Beherrschen von
„Nanobeschichtungen“. Selbst für den Fachexperten bleibt hier
unklar, worin die nanoskalare Eigenschaft liegt. Ist es die Verwendung von Nanofillern,
der Einsatz der Sol-Gel-Synthese oder werden nanometer-dünne funktionale
Beschichtungen hergestellt?
Fehlende Kommunikation des Kundennutzen
In allen beschriebenen Fällen fehlt die Orientierung am
Empfänger der nanotechnologisch hergestellten Produkte. Diesen interessiert
in erster Linie, ob das Produkte seine Probleme lösen kann, ob es für
ihn von Nutzen ist.
Der hohe Bekanntheitsgrad der Nanotechnologie kann in einem
ersten Schritt zur Erzeugung der Aufmerksamkeit herangezogen werden. Die nächsten
Schritte nach dem bekannten AIDA-Prinzip (Attention, Interest, Desire und
Action) werden aber nur vollzogen, wenn es gelingt, den Kundennutzen zu
kommunizieren.
Zahlreiche Vorteile dieses Vorgehens liegen auf der Hand: als
seriöse Vermarktungsmaßnahme kann die klare Kommunikation eines Kundennutzen
nicht zur Erzeugung eines „Hypes“ instrumentalisiert werden. Die
Argumente sind für den Kunden nachvollziehbar und überprüfbar.
Dadurch kann der Produzent seine Marketingclaims teilweise gegen ein Umschwenken
der öffentlichen Meinung immunisieren. Der Kunde weiß, was ihm das
Produkt bietet und wird diesen Vorteil sicher nicht leichtfertig aufgeben.
Das übergeordnete Ziel der Positionierung ist die Verankerung
des Produktes (mit seinen Eigenschaften) im Kundenbewusstsein. Eine Abgrenzung
auch von anderen „Nano“-Anbietern wird damit ermöglicht, was
sich letztendlich in einem Wettbewerbsvorteil manifestiert.
Politische Folgerungen
Das Gesagte gilt unter anderen Vorzeichen auch für den
Bereich der akademischen Grundlagenforschung und ihrer Förderung durch
öffentliche Geldgeber.
Es gilt den gesellschaftlichen Nutzen herauszustellen und sich
nicht zu sehr auf die technologischen Aspekte zu fokussieren. Diesem Aspekt
wird weitestgehend in Projektanträgen z.B. im Rahmen einer EU-Förderung
Rechnung getragen, findet sich aber häufig nur untergeordnet in der projektbegleitenden
Öffentlichkeitsarbeit. Gleichzeitig sollte die Politik viel stärker
das Lösen gesellschaftlich relevanter Probleme einfordern und damit einen
undogmatischen Wettbewerb zwischen verschiedenen Technologien generieren, der
dann zur „besten“ Lösung führt. Ich bin sicher, dass die
Nanotechnologie auch unter solchen Rahmenbedingungen zu wirklichen, substanziellen
Innovationen beitragen wird. Falls aber andere Technologien bessere Lösungen
anbieten, dann sollten eben diese gefördert werden.
Ineffektive Positionierung als Erfolgshemmnis
Zusammenfassend kann man sagen, dass „Nanotechnologie“
allein als Positionierung eines Produktes, eines Unternehmens oder eines Institutes
nicht ausreichend ist. Vielmehr muss es darum gehen, in der Sprache des Kunden
(der Öffentlichkeit, des Auftraggebers, der Politik) den erzielbaren Nutzen
zu kommunizieren. Nur so ist möglich, Kunden zu gewinnen, langfristig zu
binden und nachhaltig im Markt der Technologien erfolgreich zu sein.
Dr. Oliver D. Bedford ist freiberuflicher Chemiker und besitzt im Bereich der
Chemischen Nanotechnologie langjährige Erfahrung in Forschung & Entwicklung.
Zahlreiche wissenschaftliche und Patentveröffentlichungen. Sein besonderes
Interesse gilt dem Management von Innovationsprozessen und dem Marketing von
Hochtechnologie. Er lebt und arbeitet in Darmstadt.
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